Ohne Blatt vorm Mund gegen Gewalt

Wie aus Mobbingopfern Amokläufer werden können / Gewaltprävention mit der Theatergruppe „Wilde Bühne“ in der Karl – Friedrich – Reinhard – Schule

Von unserem Redaktionsmitglied Sandra Dambacher

Schorndorf 
Alter, Schlampe, Harmoniegesülze – Mit solchen Ausdrücken gewinnt die Theatergruppe der Wilden Bühne die Aufmerksamkeit der Karl – Friedrich – Reinhard – Schüler. Alles, was man in der Schule nicht sagen darf und trotzdem auf dem Schulhof ausspricht, nehmen die Schauspieler in den Mund. Über Identifikation wollen sie beim Anti – Mobbing Stück „Drucksache“ die Jugendlichen erreichen.
 

Jessica fühlt sich hässlich, einsam und unverstanden. Morgens aufstehen ist für sie eine Qual, weil sie weiß, dass sie in die Schule muss und dort wieder gehänselt oder ignoriert werden wird. Sie sucht immer wieder Anschluss zu ihren Mitschülern, wird aber nur von ihnen veralbert. Sie klauen ihr Handy und verkaufen ihr ein Abführzäpfchen als Drogen. Ihr Mitschüler Toni füllt sie ab, bis sie einen Filmriss hat, macht von ihr Fotos, wie sie nackt und betrunken auf einer Couch liegt, und schickt diese auf die Handys seiner Freunde.

Jugendliche können grausam sein – ohne es selbst zu merken. Unverblümt und authentisch zeigt dies das Stück. Sätze wie „Die Alte ist ja völlig durchgeknallt“ oder auch „Scheiß auf Mama, scheiß auf Schule, scheiß auf alle“ schaffen zusätzliche Identifikation und vor allem Aufmerksamkeit. Hier steht keiner mit dem erhobenen Zeigefinger auf der Bühne. Die Schauspieler, die das Teenageralter schon einige Jahre hinter sich gelassen haben, spielen auf Augenhöhe mit den Siebt- und Achtklässern, die vor ihnen sitzen.

Man nimmt ihnen ihre Rollen ab: die schöne oberflächliche Nicole oder Toni, der coolste Typ von der Schule, und sein Freund Alex, der ihm nacheifert. Anführer und Mitläufer machen sich aber erst Gedanken über ihr Verhalten, als sie Jessica mit einer Waffe bedroht und im Keller der Schule einschließt.

Hier beginnt alles. Warum die Gruppe junger Leute auf dem Boden liegt, weiß zu Beginn noch keiner. Verschachtelt erzählt das Stück in Rückblenden, wie die Schüler Jessica ausgegrenzt und gequält haben. Aber auch Einblicke in die Schule und ins Zuhause zeigen sie. Sie spielen den Rektor nach, der im gekünsteltem Pädagogendeutsch von seiner Schule erzählt, an der nur Kinder aus gutem Elternhause sind, die von hervorragend ausgebildeten Pädagogen betreut werden. Wie es in den perfekten Elternhäusern aussieht, zeigen sie auch. Der Vater von Alex interessiert sich am Frühstückstisch vor allem für die Börsenzahlen und seine Mutter für Ansehen und Anstand. Wenn er nicht besser in der Schule wird, schicken ihn seine Eltern ins Internat.

Das Stück zeigt unterschiedliche Typen, mit denen sich die Jungs und Mädels im Publikum identifizieren können, und es zeigt auch, dass so mancher Täter in anderen Situationen Opfer ist.

Die echt aussehende Knarre gefällt vor allem den Jungs.

Aufmerksam und gespannt sind die Schüler 45 Minuten lang. Vor allem die Jungs raunen beim Anblick der echt aussehenden Knarre. Mit der bedroht Jessica alle zum Schluss, bevor sie sie mutlos wegschmeißt. Weil aber auch die anderen in der Zwischenzeit kapiert haben, wie sie das Mädchen verletzt haben und sie fast zur Amokläuferin gemacht haben, reicht ihr eine aus der Gruppe die Hand.

Darum geht´s. Auswege aus Mobbing und Gewalt zu finden und wieder miteinander leben zu können. Das ist auch das Ziel des Sozialkompetenztrainings (SKT) an der KFR. Seit 2004 gibt es dort das gleichnamige Fach, in dem die Schüler den Umgang mit anderen und mit sich selbst lernen können.

Mobbingopfer gibt es nämlich an jeder Schule, auch an der KFR. Um drei Fälle hat sich Schulsozialarbeiter Lars Piechot im letzten Schuljahr gekümmert. Er und Lehrer Markus Heilemann haben die Gruppe „Wilde Bühne“ bei einem Lehrgang zur sozialen Arbeit kennengelernt und in die KFR eingeladen. Mit ihren sozialkritischen Stücken tritt die Gruppe in Schulen und Jugendhäusern auf. Von der Idee, Sozialkompetenzen im Theater zulernen, ist Schulleiterin Eva Maria Schäfer so begeistert, dass sie das auch ihren Schülern ermöglichen möchte. Im Laufe des kommenden Schuljahres kommt dafür ein Theaterpädagoge an die Schule, der die AG „Theater für Stärke“ leitet. Gesponsert wird dieser von der Heldmeier – Villbrandt – Stiftung. Dass Schauspielern therapeutisch wirksam ist, wissen die Mimen von der Wilden Bühne selbst. Denn sie waren alle drogenabhängig, bevor sie zur Gruppe gekommen sind. Theaterpädagogik war ein Teil ihrer eigenen Therapie. Mit ihnen durften die Schüler nach der Aufführung über das Stück diskutieren. 

(Quelle: Schorndorfer Zeitung)

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